Wer heute eine rechtliche Frage hat, muss nicht mehr zwangsläufig mit einer Internetsuche beginnen, sich durch zahlreiche Fachartikel arbeiten oder versuchen, Gesetzestexte zu verstehen. Mit Anwendungen wie ChatGPT, Gemini, Claude oder anderen KI-Systemen stehen inzwischen Werkzeuge zur Verfügung, die rechtliche Themen in verständlicher Sprache erklären können.
Ich begrüße diese Entwicklung ausdrücklich. Mandanten, die sich bereits mit ihrem Anliegen beschäftigt haben, die grundlegenden Zusammenhänge verstehen und erste Fragen formulieren können, schaffen eine gute Grundlage für eine erfolgreiche anwaltliche Beratung.
Entscheidend ist allerdings, zu verstehen, was künstliche Intelligenz leisten kann und was nicht.
Ein guter erster Ratgeber
Die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz sind beachtlich. Innerhalb weniger Sekunden lassen sich rechtliche Begriffe erklären, typische Abläufe darstellen und unterschiedliche Handlungsoptionen aufzeigen.
Was bedeutet eine betriebsbedingte Kündigung? Welche Regelungen gehören üblicherweise in einen Geschäftsführervertrag? Worauf ist bei dem Zugang einer Kündigung zu achten? Darf sich der Arbeitnehmer mehrfach hintereinander krankmelden?
Auf solche Fragen kann KI häufig hilfreiche erste Antworten geben. Sie kann Dokumente strukturieren, komplizierte Formulierungen verständlicher machen und dabei helfen, die eigenen Gedanken zu ordnen.
Das hat einen ganz praktischen Vorteil. Wer bereits über ein gewisses Grundverständnis verfügt, kann das Gespräch mit seinem Rechtsanwalt gezielter führen.
Ich muss dann nicht bei null anfangen, sondern kann mich schneller mit den Fragen beschäftigen, auf die es tatsächlich ankommt.
Die richtige Antwort setzt die richtige Frage voraus
Die eigentliche Herausforderung vieler rechtlicher Angelegenheiten liegt allerdings nicht darin, eine Antwort auf eine bestimmte Frage zu erhalten.
Sie liegt darin, zunächst zu erkennen, welche (komplexen) Fragen überhaupt gestellt werden müssen.
Nehmen wir ein Beispiel aus dem Arbeitsrecht. Ein Arbeitnehmer möchte wissen, ob seine Kündigung wirksam ist. Eine KI kann die Voraussetzungen des Kündigungsschutzgesetzes erläutern, Kündigungsfristen berechnen und auf die dreiwöchige Klagefrist hinweisen.
Vielleicht liegt das eigentliche Problem aber an ganz anderer Stelle. Gibt es einen besonderen Kündigungsschutz? Welche Rolle spielen variable Vergütungsbestandteile? Ist die Freistellung wirksam geregelt? Bestehen Ansprüche aus einem Bonusprogramm oder Risiken aus einem nachvertraglichen Wettbewerbsverbot?
In meiner Beratung prüfe ich solche Themen nicht erst dann, wenn der Mandant ausdrücklich danach fragt. Ich hinterfrage den Sachverhalt, stelle Zusammenhänge her und spreche gegebenenfalls Aspekte an, an die der Mandant bislang überhaupt nicht gedacht hat.
Auch moderne KI-Systeme können Rückfragen stellen und zusätzliche Problemfelder aufzeigen. Sie können jedoch nicht zuverlässig gewährleisten, dass alle rechtlich und wirtschaftlich entscheidenden Umstände erkannt und zutreffend gewichtet werden.
Der Unterschied liegt häufig nicht in der Antwort, sondern darin, das eigentliche Problem zu erkennen.
Rechtskenntnis ist nicht gleich Erfahrung
Juristische Beratung besteht nicht allein darin, Gesetze und Gerichtsentscheidungen zu kennen.
In meiner Praxis geht es häufig um Abwägungen. Welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen? Welche davon sind tatsächlich durchsetzbar? Welcher Aufwand ist damit verbunden? Welche wirtschaftlichen und persönlichen Konsequenzen können entstehen?
Ein rechtlich durchsetzbarer Anspruch muss nicht immer die wirtschaftlich sinnvollste Lösung sein. Ein Prozess, der gewonnen werden könnte, muss deshalb noch lange nicht geführt werden.
Gerade bei arbeitsrechtlichen Konflikten, bei der Trennung von Führungskräften oder bei wirtschaftsrechtlichen Auseinandersetzungen spielen Verhandlungserfahrung, Menschenkenntnis und ein Verständnis für unternehmerische Zusammenhänge eine wesentliche Rolle – insbesondere im internationalen Umfeld.
Die richtige Strategie hängt zudem häufig nicht nur vom Recht ab, sondern auch von den beteiligten Personen, den tatsächlichen Interessen und dem richtigen Zeitpunkt.
Eine KI kann mögliche Szenarien beschreiben und Argumente gegenüberstellen. Sie hat jedoch weder selbst Verhandlungen geführt noch die Verantwortung für eine konkrete Mandatsentscheidung getragen.
Ein gutes Werkzeug macht noch keinen guten Handwerker
Der Unterschied lässt sich mit einem einfachen Vergleich verdeutlichen.
Mit einem Zimmermannshammer kann nahezu jeder einen Nagel einschlagen. Ein erfahrener Zimmerermeister kann mit demselben Werkzeug einen ganzen Dachstuhl errichten.
Der Unterschied liegt nicht im Hammer. Er liegt in der Erfahrung, im Verständnis der Konstruktion, im Erkennen möglicher Schwachstellen und in der Fähigkeit, aus vielen einzelnen Arbeitsschritten ein tragfähiges Ganzes zu schaffen.
Mit künstlicher Intelligenz verhält es sich ähnlich.
Sie ist ein leistungsfähiges Werkzeug, das vielen Menschen bislang schwer zugängliches Wissen eröffnet. Welche Qualität das Ergebnis hat, hängt aber wesentlich davon ab, wie dieses Werkzeug eingesetzt, wie sein Ergebnis überprüft und in welchen größeren Zusammenhang es eingeordnet wird.
KI kann sich irren und dabei sehr überzeugend klingen
Eine weitere Besonderheit sollte man kennen. KI-Systeme können Antworten formulieren, die fachlich fundiert und überzeugend wirken, obwohl sie Fehler enthalten.
Das betrifft nicht nur die Auslegung von Gesetzen, sondern mitunter auch vermeintliche Gerichtsentscheidungen, Fundstellen oder rechtliche Voraussetzungen.
Besonders problematisch ist, dass sich richtige und falsche Informationen sprachlich häufig kaum unterscheiden lassen.
Hinzu kommt eine Eigenschaft, die vielen Nutzern nicht bewusst ist. KI-Systeme neigen dazu, ihrem Gegenüber zuzustimmen. Wer seinen Fall aus der eigenen Perspektive schildert, erhält deshalb häufig eine Bestätigung der eigenen Sicht. Die Argumente der Gegenseite und die Frage, was sich im Streitfall tatsächlich beweisen lässt, kommen dabei leicht zu kurz.
Für eine erste Orientierung mag dieses Risiko hinnehmbar sein. Geht es jedoch um eine Kündigung, einen wichtigen Vertrag, erhebliche wirtschaftliche Interessen oder laufende Fristen, können schon kleine Fehler weitreichende Folgen haben.
Gut vorbereitet zum Anwalt
Ich ermutige meine Mandanten ausdrücklich, künstliche Intelligenz zur Vorbereitung rechtlicher Gespräche zu nutzen.
Lassen Sie sich grundlegende Zusammenhänge erklären. Verschaffen Sie sich einen Überblick über mögliche Ansprüche oder Risiken. Erstellen Sie eine zeitliche Übersicht der Ereignisse und formulieren Sie die Fragen, die Sie besonders beschäftigen. Fragen Sie die KI dabei ruhig auch ausdrücklich, was die Gegenseite einwenden würde.
Achten Sie auf Vertraulichkeit. Was Sie in eine KI-Anwendung eingeben, unterliegt nicht der anwaltlichen Verschwiegenheit. Sensible Vertragsunterlagen, Geschäftsgeheimnisse und personenbezogene Daten, etwa von Beschäftigten, gehören deshalb nicht ungeprüft in frei verfügbare KI-Dienste. Für eine erste Einordnung genügt in aller Regel ein anonymisierter Sachverhalt.
Und wenn eine Frist läuft, sollte die eigene Recherche nicht zu lange dauern. Dann ist frühzeitiger anwaltlicher Rat der sicherere Weg.
Bringen Sie Ihre Überlegungen gerne mit in das Beratungsgespräch, gerade auch dann, wenn die KI bereits eine vermeintlich eindeutige rechtliche Einschätzung abgegeben hat.
Ich kann auf dieser Grundlage gezielter arbeiten, Unklarheiten schneller auflösen und mich auf die Besonderheiten Ihres konkreten Falles konzentrieren.
Das spart unter Umständen Zeit und Kosten. Vor allem aber verbessert es die Qualität des gemeinsamen Austauschs.
Mein Verständnis moderner Rechtsberatung
Künstliche Intelligenz wird die juristische Arbeit weiter verändern. Sie wird leistungsfähiger werden, zusätzliche Aufgaben übernehmen und sowohl Mandanten als auch Rechtsanwälten neue Möglichkeiten eröffnen.
Darin sehe ich keine Bedrohung, sondern eine Chance.
Denn mein Anspruch ist nicht, Wissen zu verwalten, das Mandanten an anderer Stelle nur schwer erhalten können. Mein Anspruch ist, dieses Wissen mit Erfahrung, Urteilskraft und einem Verständnis für die individuellen Interessen meiner Mandanten zu verbinden.
Gute Beratung setzt keinen uninformierten Mandanten voraus. Im Gegenteil. Wer gut vorbereitet ist, schafft die Grundlage für bessere Fragen, fundiertere Entscheidungen und häufig auch bessere Ergebnisse.
Künstliche Intelligenz kann dabei ein hervorragender erster Ratgeber sein. Die Verantwortung für die richtige rechtliche Strategie gehört jedoch in erfahrene anwaltliche Hände.